Verfasst von: Medienblogger | 2. Oktober 2008

Wissenschaft, Blogs, Web 2.0

Ich beschäftige mich seit wenigen Wochen mit meiner Diplomarbeit. Und ärgere mich immer mehr, dass die wissenschaftliche Kommunikation nicht die Chancen nutzt, die die neuen Kommunikationsmöglichkeiten im Web bieten.

Wissenschaftskommunikation:
Warum kann ich die Bücher und Artikel, die ich lese, nicht in einer Datenbank hinterlegen, die meine Notizen aufnehmen kann, aber gleichzeitig auf das Wissen anderer Studierenden, Nachwuchswissenschaftler und Professoren zurückgreifen kann? Also sowas wie ein social excerpt. Seit zwei Jahren hat unsere Universitätsbibliothek nun die Möglichkeit, Rezensionen bei den entsprechenden Medientiteln zu hinterlegen. Bis heute habe ich nicht eine einzige Rezension gefunden, sondern bin auf meine eigene Arbeit angewiesen. Bitte nicht falsch verstehen: Es geht nicht darum, dass ich mich nicht selbst mit der Materie beschäftigen will. Es geht aber sehr wohl darum, auf Meinungen, Ideen und Gedanken Anderer zugreifen zu können. Schließlich ist Wissenschaft zuerst einmal Austausch. Warum also diesen Austausch nicht online betreiben, wo man doch heutzutage sowieso immer (häufiger) online ist? Wo ist also das Wissen der Lehrstühle, ihrer Inhaber und Mitarbeiter sowie der Studierenden, die an den Lehrstühlen lernen, selbst lehren und den Wissenschaftsdiskurs bereichern?

Ein Beispiel: Warum gibt es zwar mit RefWorks ein Programm, das Quellen aufnehmen und korrekt formatiert ausgeben (=zitieren) kann, jedoch nicht verbunden ist mit dem (Online!-)Katalog meiner Universitätsbibliothek? Auf Nachfrage zuckt man selbst bei der Bibliothek die Schultern und wundert sich im Zweifelsfall mehr über meine Nachfrage als die Chance begreifen zu wollen, die ein solcher Paradigmenwechsel mit sich bringen könnte. Letztlich bleibt mir so nur übrig, die Quellen in das Programm händisch einzutippen, was weder effizient noch praktibal ist. Man bleibt stehen und verlagert die Papierstabel lediglich in den PC, ohne sie wirklich zu verarbeiten. Die DV (=Datenverarbeitung) verbleibt beim D.

Warum bekomme ich zu Semesterbeginn eine mehrseitige Bibliographie in Papierform, was mich und jeden einzelnen meiner Kommilitonen dazu veranlasst, auf eigene Rechnung zu recherchieren? Viele Titel sind heute bereits bei Google Books online verfügbar und lesbar. Aber es würde ja bereits reichen, wenn statt Papier eine Online-Liste mit allen Seminar-Teilnehmern geteilt wird, die sofortigen Zugriff auf die Bibliothek bietet. Was letztlich die Möglichkeit bietet, die Bibliographie zu vervollständigen und für die kommenden Semester, Jahre, Studierendengenerationen zu verbessern und zu vervollständigen.

Social Networks:
Warum gibt es an meiner Universität keinen einzigen Professor, der die Möglichkeiten der sozialen Netzwerke nutzt und dort die Begeisterung für sein Fach, seine professionellen Aktivitäten und ähnliches mit den Studierenden, Mitarbeitern und Kollegen teilt? Warum ist es nicht möglich, die Vertreter eines Faches, einer Forschungsrichtung oder von Kolloquien online zusammen zu bringen? Warum werden Vorlesungen immer nur in sehr geringer Zahl per Stream dorthin übertragen, wo die Studierenden sind? Warum wagt kein/e wissenschaftliche/r Mitarbeiter/in, eine der zwei bis drei wöchentlichen Sprechstunden in Chat-Form anzubieten? Das erspart ihm/r, die Studierenden ob der Schlange vor der Tür in fünf Minuten abfertigen zu müssen und zwingt die Studierenden nicht, für fünf Minuten Gesprächszeit eine Stunde Wartezeit einkalkulieren zu müssen.

Blogs:
Warum gibt es kaum Wissenschaftler, die über ihre Forschungsergebnisse bloggen? Es geht ja nicht darum, den eigenen Veröffentlichungen vorzugreifen, aber man kann sie ankündigen, vorbereiten, Interesse wecken, in Dialog mit anderen treten. Die eigene Homepage als Anlaufstelle für alle, die sich für die Arbeit des Professors interessieren, was gibt es besseres (und einfacheres)? Das gilt letztlich nicht nur für Wissenschaftler, sondern auch für Wissenschaftsmanager, als die sich Universitätsrektoren heute so gerne sehen. Warum gibt es keinen Rektor einer deutschen Universität, der bloggt? Bitte mal abschauen bei Richard Descoings, directeur von Sciences Po Paris, der zeigt, wie Hochschul-Kommunikation heutzutage aussehen kann.

Fazit:
Es gibt meiner Meinung nach noch viel zu entdecken für die deutsche Wissenschaft im Bereich des Web 2.0. Gleichzeitig will ich auch nicht behaupten, dass das Internet alle dahergebrachten Traditionen einfach ersetzen könnte (schon gar nicht im Bereich der Veröffentlichungen, die — ich bin ja selbst Linguist — stark formalisierten Diskurstraditionen unterliegen und höchst funktional sind, wenn man denn die Gesetze anerkennt, deren Produktion sie unterliegen. Aber es wäre doch wünschenswert, wenn man bisweilen einfach mal ausprobiert, ob das Web 2.0 nicht auch für den Bereich der Wissenschaft interessante Ansätze bereithält. Verwerfen kann man sie ja später immer noch…

Noch ein letztes Wort zu den großen Firmen: Microsoft, Google und andere müssten sich eigentlich die Hände reiben angesichts der Möglichkeiten, die in diesem Bereich noch ungenutzt schlummern und auf ihre Entdeckung warten. Ich habe vor rund einem Jahr Steve Ballmer gehört, wie er in Paris vor mehreren hundert Studierenden genau dies gefordert hat. Getan hat sich seither nur wenig.

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Responses

  1. Trackback, Kommentar und bei delicious.com abgelegt: http://sankt-georg.info/sammlung/639/teamwork-schwer-gemacht-wissenschaft-blogs-web-20-medienblogger


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