Verfasst von: Medienblogger | 27. November 2008

Der Journalist als Schleusenwärter

Wer sich im Mediengeschäft bewegt, der wird die Rede vom Journalisten als gatekeeper zur Genüge kennen. Gemeint ist damit die Selektionsfunktion eines Journalisten, der einem bestimmten Sachverhalt, einer Neuigkeit oder einer Information das Tor zur Redaktion und damit letztlich die Möglichkeit zur Beeinflussung der öffentlichen Meinung (welch diffuser und weit zurückreichender Begriff, nur so nebenbei bemerkt…) öffnet. Diese Theorie aus den 50er-Jahren basiert auf Experimenten von David White, einem amerikanischen Soziologen, der versucht zu erklären, warum manche Nachrichten in die Zeitung gelangen. Und warum manche manchmal nicht.

Warum diese Vorrede? Es geht mir nicht um die Theorie selber, sondern darum zu zeigen, wie man vor einigen Jahrzehnten noch versucht hat, den journalistischen Nachrichtenfluss zu modellieren: Info klopft an, gatekeeper sagt herein oder bleib draußen. Und heute? Lese ich das: „Ebenso schrecklich wie interessant: CNN basiert seine Berichterstattung über den Anschlag in #Mumbai teilweise auf Twitter.

Den Abgesang auf den klassischen Journalismus machen wir ja nun mit, seit es den Begriff Internet gibt. Ist es aber nun aufgrund der massenhaften Verbreitung von Twitter und anderen ultraschnellen Diensten nun endgültig vorbei mit der Kontrollfunktion des Journalisten? Ist das gut (Demokratisierung der Kontrolle) oder schlecht (Niedergang der vierten Macht im Staate)?

Weder das eine noch das andere ist richtig. Denn letztlich ist es doch so, dass Journalisten noch nie — weder damals zur Zeit von David White, noch heute zur Zeit von [hier bitte einen Founder, Evanglisten oder sonstwen einsetzen] — vollständig abgeschottet waren gegenüber dem, was sie so erleben oder nicht. Schon früher haben gute Redaktionen nicht einfach gewartet, bis der Ticker gebimmelt hat und eine Eilmeldung reinkam (das Bimmeln des Tickers ist übrigens der beste Beweis, dass Journalisten zwar viele Funktionen haben, aber sicher nicht die, autonom zu entscheiden ob eine Information nun ins Blatt kommt oder nicht). Nein, sie haben dank eigener Wertvorstellungen versucht, die Realität dem Leser näher zu bringen, zu erklären, alltägliches zu politisieren, kurz: die Gesellschaft mitzugestalten.

Man kann sich nun heute darüber beklagen, dass CNN trotz des weitverzweigten Redakteurs- und Korrespondentennetzes ein Medium wie Twitter nutzt, um Geschehenes journalistisch aufzubereiten. Ob so ein Klagen angebracht ist? Letztlich ist der Einsatz von Twitter (und anderen Dingsens dieser Art) doch nur konsequent: CNN war selbst Vorreiter im Publizieren eigener Nachrichten über Twitter. Warum sollte man also nicht darauf zurückgreifen, wenn die Richtung einmal anders ist? Natürlich geht es darum, Qualität zu liefern und unabhängig zu berichten. Unabhängig heißt jedoch nicht wertfrei, und Qualität heißt nicht, dass man in seinen Redaktionsstuben darauf wartet, bis die Meldung von den Nachrichtenagenturen kommt (nebenbei bemerkt: auch die müssen ihre Nachrichten irgendwo her haben…). Nein, Qualität im Journalismus heißt zuerst einmal Transparenz. Denn wir sind uns doch alle einig, dass so etwas wie Objektivität nicht existiert, oder? Womit wir eigentlich schon wieder bei der öffentlichen Meinung und ihrer Entstehung wären. An einem verwirrenden weil nicht existierenden Ort. Irgendwo zwischen Rede und Widerrede, zwischen konkurrierenden Interessen, zwischen Abgleichung von Positionen und medialen Diskursen.

Wer das begreift, kann sich beruhigt anderen Dingen zuwenden. Wer es jedoch nicht begreifen will, der sollte es schnellstmöglich lernen. Bevor man zu den Verlierern zählt. David White ist zwar tot, der Schleusenwärter jedoch lebt. Ob er noch Journalist heißt, ist eine Frage die ich hier nicht beantworten kann. Dass er jedoch journalistisch aktiv ist, steht außer Frage. Und wenn du das hier liest, bist du einer davon.

Was noch? Die Schleuse ist heute wohl etwas breiter geworden als sie es damals war. Sonst hat sich nichts geändert.

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Responses

  1. Ich denke, gerade in einer Zeit der Informationsflut im Web hat der Journalist seine Rolle als Gatekeeper zu erfüllen. Tweets, Blogposts oder sonstige webbasierte Meldungen von Ereignissen von öffentlichem Interesse sind, nüchtern betrachtet, nichts anderes als eben Informationen, die es einzuordnen und aufzubereiten gilt. Sie sind in den vergangenen Jahren eben zu den konventionellen Quellen hinzugekommen. Die Herausforderung des „modernen“ Journalisten ist es, diese neuen Quellen in immer kürzerer Zeit zu filtern, zu bewerten und zu verifizieren, um sie dann in aufbereiteter Form einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Dafür sind die Werkzeuge vielfach noch nicht vorhanden. Wie kann man etwa einen „ernsten“ Tweet von einem Hoax unterscheiden? Da hilft oft nur Basisrecherche – wie in der guten, alten Zeit. Zumindest aber können Tweets ihrerseits für den Journalisten Quellen der Erstinformtion sein, um überhaupt auf ein Thema aufmerksam zu werden. Durch die Mittel des Social Web gelangen viele Themen ja überhaupt erst ans Tageslicht, die früher im Journalismus gar nicht erst Beachtung gefunden hätten – weil sie den Journalisten gar nicht bekannt waren. Durch das Social Web ist es „interessierten Kreisen“ nicht mehr so leicht möglich, Dinge unter dem Deckel und von der Öffentlichkeit zu halten. Die „soziale Kontrolle“ ist im Social Web größer; was natürlich auch die Gefahr von Ausreißern, etwa in Form von Verunglimpfung mit sich bringt.

  2. @ Kircheplotzer:

    Ich stimme dir zu, dass der Journalist der Schleusenwärter bleibt – jedenfalls für die großen Stories, die wenn schon nicht viel handwerkliche Recherche-Qualitäten, so aber doch viel Ressourcen (Geld und Zeit) kosten. Kaum ein Blogger greift wirklich zum Telefonhörer und beginnt rumzutelefonieren.

    Und Twitter ist eine wunderbare Sache, nicht nur als Informationsquelle, sondern auch als Teil der medialen Verwertungskette. Nehmen wir an, dass ich eine Story habe, vielleicht gar einen Scoop. Wenn nicht vertraglich an irgendeine Medienorganisation gebunden bin, werde ich mit einem kurzen Tweet die Katze aus dem Sack lassen. Im Idealfall greifen deine Follower das Thema auf, verbreiten es, es gelangt in die Blogosphäre und in der Zeit hast man schon einen passenden Blog-Eintrag verfasst – dann geht es in die Onlien-Medien, vielleicht am nächsten Tag in die Zeitungen etc. Und mit jedem Schritt kannst du mehr recherchieren und präziser die Sachlage darstellen. Twitter kann man also auch als Beginn einer, ich nenne es mal so, „dynamischen Story“ sehen.


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