Verfasst von: Medienblogger | 12. Juni 2009

Bloggen, die moderne Kunst der Rhetorik

Wer heutzutage noch behauptet, Bloggen wäre ein Trend, der lebt wahrscheinlich nicht nur hinter dem Mond, sondern mindestens außerhalb unseres Sonnensystems. Denn Bloggen ist längst etabliert und der Erfolg der Technologie treibt ganze Print-Verlage in den Ruin und so manchen Verleger in die Verzweiflung.

Doch wie alt ist das Bloggen wirklich? Natürlich haben die technologischen Entwicklungen in der Hypertexttechnik Ende des 20. Jahrhunderts Online-Texte erst möglich gemacht. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts hat sich die Textsorte des Blog-Artikels dann rasch etabliert. Eine der beim Bloggen begründeten Konventionen, nämlich die der Rankings, Hitlists und Ranglisten, schlägt sich mittlerweile sogar im Fernsehen nieder. Dabei kann die Konstruktion eines gelungenen Blog-Artikels durchaus mit einer Kunst verglichen werden, die sehr viel älter ist: Der Rhetorik.

Die Rhetorik stammt von den alten Griechen und Römern. Ihren traditionellen Sinn findet sie in der Ausbildung öffentlicher Redner, deren Kompetenzen sich auf die folgenden Bereiche (ich nenne die lateinischen Originalnamen mit einer Erklärung) beziehen: der inventio, also dem Entdecken passender Ideen; der dispositio, also der Anordnung dieser Ideen in einem Text (egal ob mündlich oder schriftlich); der elocutio, dem Finden passender Ausdrücke für die jeweilige Idee; der memoratio, dem Einprägen im Gedächtnis für den freien Vortrag; schließlich die actio, der tatsächliche Vortrag.

Die Parallelen zum Bloggen sind erstaunlich: Welcher Blogger plagt sich nicht mit der Frage, über welches Thema er heute schreiben soll (also das Problem der inventio)? Hat man eine Idee, macht man sich idealerweise Gedanken um ihre Anordnung, schließlich ist im Zeitalter von Klickraten und Bilderstrecken auch die Verweildauer ein wichtiges Kriterium (also das heutzutage kommerziell relevante Problem der dispositio). Möchte man Leser dauerhaft binden, sollte sich zur Relevanz der Themen auch ein Schreibstil gesellen, der begeistern kann und den Leser nicht vor allzu große Probleme stellt (also das Problem der elocutio). Die beiden verbleibenden Bereiche, die memoratio und actio, sind insbesondere für mündliche Texte von Relevanz und sorgen dafür, dass man heutzutage Rhetorik vor seinem inneren Auge mit Bildern von Cicero auf dem römischen Forum verbindet. Sie finden ihre moderne Entsprechung im (Keynote-)Speaker-Business sowie in der Binsenweisheit, dass gute Präsentationstechniken sowie der gekonnte Umgang mit Powerpoint für Hochschul-Absolventen (und bisweilen sogar bereits für Schüler, wie die Änderung der Abiturprüfungsordnung in einigen Bundesländern zeigt) als wichtige Kompetenzen angesehen werden.

Die Aufzählung zeigt zweierlei: Bloggen ist älter, als man denkt. Die Grundlagen erfolgreicher schriftlicher, aber auch mündlicher Texte sind seit tausenden von Jahren bekannt. (Online-)Journalisten, Blogger und überhaupt Marketer und Kommunikateure sollten diesen Quell der Erkenntnis nutzen. Die zweite Erkenntnis ist gewissermaßen die Kehrseite dieser Medaille: Wenn die Geisteswissenschaften im heutigen Zeitalter von Bologna-Prozess und der Frage nach wirtschaftlicher Verwertbarkeit von Wissen wieder an Attraktivität gewinnen wollen, sollten sie mal einen Blick auf internetbasierte Texte werfen.

Ach ja: die Idee von Hypertext ist ebenfalls älter als man denkt. Nur dass man früher noch nicht  klicken konnte (siehe oben).

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Responses

  1. Sehr interessante Sichtweise! Rhetorik und Bloggen haben in der Tat sehr viel gemeinsam, denn jeder Blogbeitrag ist eine kleiner Redebeitrag. Ich habe das Empfinden, dass gerade in privaten Blogs, noch viel mehr die Erzählperspektive, die einzelmenschliche Perspektive in den Vordergrund rückt. Ganz so wie in er mündlichen Sprache im Wettstreit. Das Verlinken von Beiträgen und anderen Blogs und auch gerade den Blogparaden, ist in der Tat dann fast wie eine Debatte.

    Danke für Ihre Gedanken!

  2. Fantastischer Artikel! Wenn man versucht E-Mail-Druckern zu erklären, was für Potentiale in Blogs stecken, assoziieren die meist nur digitale Tagebücher. Hart ist nur, wenn selbst Kenner der Materie in alte Denkmuster zurückfallen. Dem Beisitzer einer Prüfung, die ich über Hypertext und Mind-Maps bzw. über Blog als e-Portfolio gehalten habe, war mein Vortrag zu „hypertextlich“.
    Wen es interessiert; der Teaser zur Prüfung (http://evolusin.wordpress.com/2009/06/14/digitale-evolution-%e2%80%93-das-mangelwesen-mensch-im-netz/)
    und der Vortragstext meiner Prüfung (http://evolusin.wordpress.com/2009/07/07/meine-modulabschlussprufung/)

  3. […] des 21. Jahrhunderts Ich suchte nach Artikeln zu Hypertext und hab grade einen super Artikel bei Medienblogger gelesen. Er geht dem Gedanken nach, dass Bloggen als die Rhethorik des 21. Jahrhunderts zu […]


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